Radfahren und Fahrradtouren in Polen nahe der deutschen Grenze (Oder und Neiße)

Gibt es gute Radwege in West-Polen, vielleicht einen polnischen Oder-Neiße-Radweg? Ich habe die Vorschläge der Radtouren-Apps getestet

Oder-Radweg südlich Gorzyca (Polen) zwischen Küstrin und Slubice
So kann ein „Radweg“ in Polen auch mal aussehen (Breite 15 – 20 cm) – aber immer noch besser als viele angeblichen Radrouten, die die Apps vorschlagen

Vorab: Dieser Beitrag ist aus der Sicht einer von guten deutschen Radwegen verwöhnten Frau (icke) mit einem sportlichen Tourenbike, das vergleichsweise schmale glatte Reifen hat. Damit fährt es sich z.B. auf Sand-, Schotter-, Feld- und Waldwegen eher kacke. Und solche Wege hat es auf der polnischen Seite reichlich – gute Radwege oder gar Fahrradstraßen sind eher eine Seltenheit. Daher fällt mein Bericht nicht allzu positiv aus, was sicherlich einige Polen-Fans verärgern wird. Aber naja, der Anspruch meiner Webseite ist nicht „mit dicken Gravelbike-Reifen oder E-Mountainbike durch rauhe Natur“, sondern „angenehm durch die Landschaft gleiten“.
Ich kann natürlich nicht sagen, wie es sich in ganz Polen radelt. Ich hab einen Großteil der Ostseite von Oder und Neiße abgeklappert, von Gryfino (Greifenhagen) im Norden (das ist ca. 17 – 18 km südlich von Stettin) bis runter nach Leknica (das ist ein Stück tiefer als Bad Muskau)*. Will man ab dort noch weiter südlich, wird´s schwierig. Von Leknica bis Piensk kann man das Radeln eher vergessen, denn da verläuft in Neißenähe nichts Radelbares, und von Piensk bis Görlitz und Zittau könnte man zumindest auf Straßen radeln, aber ich schiebe das schon seit anderthalb Jahren vor mir her und konnte mich bisher nicht überwinden. Das sagt eigentlich schon alles… Radfahren in Polen ist für mich, abgesehen von ein paar wenigen gut ausgebauten Radwanderwegen, nicht grade das reine Vergnügen.
Das Weiteste, das ich ins Land hinein geradelt bin, ist Bad Schönfließ (Trzcińsko-Zdrój) im Norden und Crossen (Krosno Odrzanskie) im Süden – das liegt 40 km östlich von Coschen.

Radweg nahe Cybinka (Ziebingen, Polen)
Auf dem Rückweg von Crossen nach Coschen gab´s bei Cybinka (Ziebingen) endlich mal ein Stückchen Radweg

Auf der Webseite polen.radweginfo.de steht zwar:
«Auf der polnischen Seite der Oder, parallel zum Oder-Neiße-Radweg, verläuft zwischen Kostrzyn/Küstrin und Szczecin/Stettin der Radweg „Grüne Oder“. Gut ausgeschildert führt er über Nebenstraßen mit relativ wenig Fahrzeugverkehr und gelegentlich über zum Teil naturbelassene Feld- und Waldwege.»
ABER: In großen Teilen ist dieser Weg schlichtweg fürchterlich (z.B. Sand, sehr grobes Pflaster, grober Schotter, überwucherte Feldwege, krasses Auf und Ab u.ä.).

Rad-Wanderweg 10 km nördlich Osinow Dolny (Polen) = Niederwutzen
Der Weg von Osinow Dolny (= Niederwutzen) nordwärts besteht erst mal aus endlosen Plattenwegen

Einzig das Stück zwischen Osinow Dolny und Czelin ist ganz okay, wobei das auf der ganzen Länge eine normale Straße ohne begleitenden Radweg ist, d.h. du hast immer die Autofahrer im Nacken. Ab Czelin ist es zwar immer noch ein offizieller Radwanderweg (GOZO), aber scheußlich zu radeln! Daher habe ich für eine Tour, die u.a. von Moryn (Morin) nach Küstrin geht, größtenteils eine andere Strecke gewählt, und zwar über relativ ruhige Landstraßen (siehe Radtour 111).

Immerhin gibt es ab Küstrin südwärts bis Slubice (Frankfurt/Oder) einen passablen Weg; ob der als polnischer Oderradweg verzeichnet ist, weiß ich nicht, weil ich ihn mir in vier Tour-Durchgängen mit diversen Wege-Experimenten selber zusammengefummelt habe (das fahrbare Ergebnis zeigt meine Radtour 120).
Aber danach ist´s wieder Essig mit gemütlichem Radeln in grüner Natur. Südlich von Frankfurt bzw. Slubice kann man zwar eine ganze Weile UNGEFÄHR entlang der polnischen Oder radeln, zumeist auf eher schlechten Landstraßen, aber dort, wo die Oder dann Deutschland verlässt und nach Polen abbiegt, gibt es keine Brücke! Man muss also ein Riesen Stück nach Polen reinradeln bis zur Brücke in Crossen und dann untenrum wieder westwärts nach Coschen (bei dieser Tagestour war ich 120,5 km unterwegs und der Spaßfaktor war nur so mittel).
Zweimal habe ich von meinen polnischen Fahrradtouren aus sogar Hilferufe per Whatsapp an Nahestehende gesendet. Einmal auf der Strecke von Krajnik Dolny (polnisches Gegenüber von Schwedt) bis Gryfino (Greifenhagen); nachdem der angebliche Radwanderweg ab Ognica nordwärts aus so tiefem Sand bestand, dass ich mein Rad nicht mal schieben konnte, sondern tragen musste, um vorwärts zu kommen…

Rad-Wanderweg bei Ognica (Polen) = Nipperwiese
Shitweg bei Ognica: Der Sand ist sehr weich und teils mehr als knöcheltief

…drehte ich nach ca. anderthalb km um (Blick auf meine Radtouren-App ergab, dass der Weg noch ca. 15 km so schlecht wäre) und nutzte die Straße. Die war bis mindestens Nowe Czarnowo so schmal und so stark befahren, obendrein auch noch hügelig und kurvig, dass ich an einer Mini-Ausfahrt anhielt und meinem besten Radkumpel whatsappte: „Hilfe! Bin in Polen circa 20 km südlich von Gryfino auf einer engen Straße, die Autos und Laster rasen ungebremst und viel zu dicht an mir vorbei… also wenn ich mich nicht bis 16 Uhr bei dir gemeldet hab, ist mir was passiert!“

Dass die Kfz zu wenig Rücksicht auf Radfahrer nehmen, liegt möglicherweise daran, dass meinem Eindruck nach in Polen nur wenig geradelt wird – schon gar nicht zum Spaß oder aus sportlichen Gründen. Zum Beispiel auf der herrlichen Radstraße zwischen der Europabrücke und Bad Schönfließ (in meiner Radtour 111) war ich fünf- oder sechsmal: Es begegnete mir kaum eine Menschenseele, und wenn überhaupt, dann eher jemand, der so aussah, als ob er nur ein paar Kilometer von Dorf zu Dorf radeln würde.

Foto vom Radweg aus: Oder-Neiße-Radstraße in Polen von der Europabrücke bis Bad Schönfließ
Eine der wenigen Radstraßen in Polen nahe der deutschen Grenze geht von der Europabrücke bis Bad Schönfließ

Das zweite Mal, dass ich einen Hilferuf von Polen aus absetzte, war auf einer Tour von Zelz nach Coschen (man muss erst mal von Forst 19 km südwärts nach Zelz und kann dann über eine Brücke nach Polen; und am Ende gibt´s von Zytowan nach Coschen auch eine Brücke). Auf dieser Route war das Problem nicht eine stark befahrene Straße, sondern das Gegenteil: Auf manchen Teilstrecken war ich dermaßen von jeglicher Zivilisation abgeschnitten, dass ich´s mit der Angst zu tun bekam. Und die Wege waren so schlecht, dass ich häufig absteigen und schieben musste. Wenn man dann auch noch allein unterwegs ist und auf der einen Seite Wald, auf der anderen gottverlassene Vegetation hat, aber schieben muss, kommen schon mal so Gedanken auf wie: „Was mache ich, wenn mich jetzt ein Wolf, ein verwilderter Hund, ein Wildschwein angreift? Was, wenn ich einen Unfall habe oder in die Dunkelheit gerate?“
In dem Fall waren es überwiegend Feld- und Waldwege, die teils von Pflanzen überwuchert waren, teils unter Gras oder altem Laub große Löcher oder sehr große Steine enthielten, die mir und meinem armen Bike viele heftige Schläge versetzten.

Rad-Wanderweg polnische Seite von Klein Bademeusel
Nördlich von Olszyna: Unter Gras und Laub ist ein Weg voller Löcher und dicker Steine – für mein Rad kaum befahrbar
Rad-Wanderweg polnische Seite von Groß Bademeusel
Ein Stück weiter nördlich erwartet mich dieser Mist: Sandweg vermischt mit groben Steinen und Bauschutt (ungefähr auf der Höhe von Groß Bademeusel)
Foto vom Radweg aus: Polen, östlich von Forst, nördlich von Zasieki
Diese trostlose Gegend lag auch an meiner Radweg-Erkundung in Polen, östlich von Forst, nördlich von Zasieki

So manch andere im Internet vorgeschlagene Radroute enthielt neben stark frequentierten Straßen, Sandwegen und grauslichen Feld-/Waldwegen auch
– Plattenwege (okaye bis kriminelle),
– Schotterwege (teils mit spitzen Bauschutt-Resten vermengt),
– Landstraßen voller Unebenheiten (Hubbel, Risse, Rillen, Löcher, zugeschüttete Löcher, schlampig überteerte Löcher),
– Pflaster und Katzenkopfpflaster (= sehr grobes, ungleichmäßiges Pflaster mit vielen herausstehenden Steinen) – die Hölle!

Kein Radweg: Shit Waldweg südlich Siedlec bei Zelz
Hier hab ich einen von der Radler-App empfohlenen Weg südlich von Siedlec getestet: Weiche, aufgewühlte Erde mit dick Laub und Zweigen drauf – oh man
Kein Radweg: Schlechter Feldweg südlich Siedlec bei Zelz
Ein Stück weiter war der Weg etwas besser, aber immer noch sehr unangenehm zu radeln (weiche Erde, Unebenheiten)

Dass Polen offenbar kein Radfahrer-Land ist, sieht man auch daran, dass es sowohl auf dem Land als auch in der Stadt extrem wenig straßenbegleitende Radwege gibt. Etwa in Gryfino, Küstrin-Stadt und Gubin habe ich keinen einzigen entdeckt! In dem Fall gibt es nur die Möglichkeit, sich entweder in die Schar der zu wenig Abstand haltenden KFZ einzureihen oder den Bürgersteig zu nehmen.

Foto vom Bürgersteig aus: Gryfino / Greifenhagen, kein Radweg
In Gryfino gibt´s, wie in vielen polnischen Städten, für Radler nur die Wahl zwischen Straße und Bürgersteig. Letzterer ist hier, wegen der Absperrung, zum Radeln eher nicht zu empfehlen

Aber über die Oder und das Odertal sieht´s besser aus:

Foto Radweg zwischen Gryfino / Greifenhagen und Mescherin
Zwischen Gryfino und Mescherin gibt es einen guten Radweg

Und auf dem polnischen Land hast du meistens nur die Wahl zwischen einer Straße ohne Radweg und einem grottigen Pfad durch die Pampa.

Foto vom Seitenrand aus: Straße ohne Radweg bei Grabowo (Polen)
Die Straße ist neu gemacht und tiptop, aber leider fehlt – wie fast immer – der Radweg
Straße bei Chojna (östlich von Chlebowo), Polen
…und die kleinen Landstraßen, auf denen wenig Verkehr ist, sehen oft so aus – oder ähnlich kaputt
Schlechter Weg auf der polnischen Seite gegenüber Neuzelle (Rapice)
Diese Landstraße radelt sich noch schlimmer, als sie aussieht (hier bei Rapice auf der polnischen Seite Höhe Neuzelle)

Was die beiden Flüsse betrifft, an denen entlang ich in etlichen Touren passable Wege finden wollte: Im Gegensatz zur deutschen Seite, auf der der Neißeradweg so nah wie möglich am Fluss verläuft und der Oderradweg meist direkt dran, kann man in Polen nicht wirklich an Neiße und Oder radeln, außer auf dem Stück zwischen Osinow Dolny und Gozdowice – das sind ca. 30 km, auf denen du die Oder auch nur zum Teil sehen kannst.

Jetzt mal was Positives: Das Funknetz funktioniert auf der polnischen Seite fast überall.
Und noch ein Wort zur Verpflegungssituation: Essen gehen und Lebensmittel sind im Durchschnitt etwas günstiger als bei uns, aber mit Euro bezahlen kannst du in der Regel nur in den Grenzorten, und auch dort nicht überall (die meisten Supermärkte und Bäckereien nehmen keine Euro) – etwas weiter landeinwärts ist i.d.R. der Sloti gefragt.

Hier zu guter Letzt ein Foto von einer ganz okayen Radroute in Polen (nahe Bad Muskau):

Keramikroute im Muskauer Faltenbogen von Nowe Czaple nach Leknica (Polen)
Dieser befestigte, aber nicht vom Herbstlaub befreite Weg zwischen Nowe Czaple und Leknica gehört zur sog. Keramikroute – die ist im polnischen Teil leider nur ca. 20 km lang

* Ich habe in Polen ganz viele Wege gestestet auf 25 oder 26 Radtouren (Länge zwischen 68 und 130 km).

© Beatrice Poschenrieder

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